Das Nervensystem als Führungskraft
Das Nervensystem als neue Führungskraft – warum nicht Leistung, sondern Regulation heilt
Unsere Zeit steht weniger unter dem Stern des „Mehr“, sondern unter dem Zeichen des Wieder-in-Beziehung-Kommens: mit dem eigenen Körper, den eigenen Grenzen und dem inneren Rhythmus. Viele Menschen spüren das bereits – nicht als akute Krise, sondern als leise, anhaltende Erschöpfung. Nicht ganz Burnout. Nicht Depressive Verstimmung. Eher dieses matte Dazwischen, das man heute Languishing nennt.
Gesellschaftlich zeigt sich: Das alte Leistungsnarrativ trägt nicht mehr. Wer versucht, diese Zeit allein mit Disziplin und Optimierung zu bewältigen, stößt schneller an Grenzen. Denn Burnout entsteht nicht im Verstand – und lässt sich dort auch nicht lösen.
Burnout ist kein Zeichen von Schwäche. Burnout ist auch kein medizinisch klar definiertes Krankheitsbild, sondern ein Erschöpfungssyndrom – Ausdruck chronischen Stresses in einer Welt, die Dauerverfügbarkeit und Selbstüberforderung normalisiert hat. „Wer ausbrennt, muss zuerst einmal gebrannt haben.“ Betroffen sind nicht die Schwachen, sondern die Engagierten: Menschen mit hohem Verantwortungsgefühl, inneren Antreibern und dem Wunsch, es gut zu machen.
Typisch sind drei Dimensionen:
- tiefe Erschöpfung,
- innere Distanz und Entfremdung,
- abnehmende Leistungsfähigkeit und Sinnverlust.
Entscheidend ist dabei weniger die objektive Arbeitslast als das subjektive Erleben von Ohnmacht, fehlender Anerkennung und innerem Konflikt.
Das Nervensystem: verstehen, was wirklich passiert
Was wir Burnout nennen, ist meist ein chronisch dysreguliertes Nervensystem. Das autonome Nervensystem steuert unbewusst unsere Stress- und Erholungsreaktionen.
- Das sympathische Nervensystem aktiviert uns: Kampf, Flucht, Leistung.
- Das parasympathische Nervensystem ermöglicht Ruhe, Regeneration und Verbundenheit.
Problematisch wird es, wenn der Körper dauerhaft im Alarmmodus bleibt. Stress ist ein biologisches Notfallprogramm – kurzfristig sinnvoll, langfristig erschöpfend. Bleibt die Aktivierung bestehen, verliert das Nervensystem seine Flexibilität. Folgen können sein:
- Schlafstörungen
- emotionale Abflachung oder Reizbarkeit
- körperliche Symptome ohne klaren Befund
- Panikattacken oder plötzliche Erschöpfungseinbrüche
Der Körper reagiert nicht „über“, sondern versucht zu schützen und zu regulieren, wenn mentale Strategien versagen.
Warum Beziehungen mehr ausbrennen als Arbeit
Burnout entsteht selten allein durch Arbeitsmenge, sondern häufig durch: ungelöste Konflikte, fehlenden Dialog, dauerhafte Selbstverleugnung, das Leben gegen ein inneres Nein.
Es geht einer inneren oder äußeren Konfliktentwicklung voraus. Gefühle wie Wut, Angst oder Traurigkeit werden unterdrückt, um weiter zu funktionieren. Doch unterdrückte Emotionen verschwinden nicht – sie verlagern sich in den Körper.
Burnout ist daher weniger eine Aufforderung zur Pause als eine Aufforderung zur Ehrlichkeit.
Führung neu gedacht: von außen nach innen
Diese Zeitqualität verlangt eine neue Form von Führung – in Organisationen wie im eigenen Leben. Führung über das Nervensystem bedeutet:
- wahrnehmen statt übergehen
- regulieren statt kontrollieren
- Dialog statt Durchhalten
Resilienz entsteht nicht durch Härte, sondern durch Beziehungsfähigkeit – zu sich selbst zuerst und dann zu anderen.
Was nachweislich schützt:
- Achtsamkeit, Natur, Bewegung (direkte Regulation des Nervensystems)
- Monotasking statt permanenter Fragmentierung
- soziale Verbundenheit und Empathie
- Selbstreflexion (weg von Perfektionismus, Retter-Rolle, Harmonie-Sucht, People Pleasing und der Suche nach Anerkennung ausschließlich im Außen)
- Authentizität
- Sinn-Erleben in Arbeit und Leben
Oder, wie Viktor Frankl es formulierte: Nicht die Frage „Was erwarte ich vom Leben?“ ist entscheidend, sondern: „Was erwartet das Leben jetzt von mir?“
Sinn statt Selbstoptimierung
Burnout ist kein persönliches Versagen, sondern ein Spiegel unserer Zeit. Sinn entsteht nicht durch Erfolg allein, sondern dort, wo ein Mensch in Übereinstimmung mit seiner inneren Wahrheit lebt.
Das Nervensystem kennt diese Wahrheit oft früher als der Verstand. Vielleicht ist diese Zeit weniger dazu da, noch besser zu werden. Vielleicht ist sie dazu da, wieder ganz zu werden.
